Die Wachmacher-Bühne

Düsseldorf-Akademierundgang, Klasse Katharina Fritsch. Hakan Eren steht kurz vor seiner Abschlussprüfung. Sichtlich aufgeregt tüftelt er an den letzten Details seiner Präsentation. Das Wort „tüfteln“ trifft hier absolut den Kern. Die an den Wänden montierten Gebilde erinnern mich spontan an technoide Konstruktionsmodelle für Fortgeschrittene in einem Spielwarengeschäft vergangener Tage. Seile, Drehscheiben, Zahnräder, Schrauben, Gelenke, Kurbeln oder Streben verbinden diverse, vielfach aus Holz gefertigte Einzelelemente. Dass mit dieser Mechanik Bewegungsabläufe in Gang gesetzt werden können, ist offensichtlich. Nicht so leicht erkennbar hingegen ist, was genau passieren wird oder passieren kann …

Ich freue mich auf die Vorführungen.

Hakan startet mit einer Skulptur, deren Apparatur mit einem Hammer abschließt.

„Sie ist zunächst einmal einstellbar auf die Körpergröße“, erklärt er mir, während ich mich zentral unter dem Hammer positionieren muss. Mit leichtem Unbehagen harre ich gespannt der Dinge, die da kommen mögen. Einem kurzen Check folgt die Aktion. Hakan kurbelt, der Hammer bewegt sich nach oben, wird zum Schlag vorbereitet und … Gott sei Dank kurz vor meinem Knockout angehalten. Puh! „Die Skulptur heißt Wachmacher“, erfahre ich. Sehr passend. Bin wach.

Weiter geht es zum nächsten Objekt. Ausgehend von einem Schaltmodul an der Stirnwand des Raumes verbindet eine langgestreckte, untergliederte Treibriemenkonstruktion insgesamt drei Figuren miteinander. Im ersten Moment erinnern diese an harmlose Spielfiguren eines Puppentheaters. Doch lassen ihre Ausstattung und Gruppenformation erkennen, dass es sich hier nicht um eine harmlose Szenerie handelt. Eine der Figuren sieht aus wie ein Derwisch, dessen Kleid allerdings mit dem Bild der amerikanischen Flagge bedruckt ist. Eine weitere ist kopflos. Sie besteht lediglich aus einem ausgeformten Strafgefangenenanzug, dem ein gelber Stern aufgesetzt ist. Die Dritte, mit den Füßen nach oben montierte Figur, ist in eine schwarze Burka gehüllt und hat einen Stock im Rücken.

Was wird jetzt wohl mit ihnen passieren? Die zweite Vorführung beginnt, nein, beginnt nicht. Es muss noch einmal nachjustiert werden. Aber jetzt!

In blechernem Radiosound erklingt zunächst ein von einer weiblichen Stimme gesungener, arabisch klingender Song. Dann startet die Performance der Figuren. Die Gruppe beginnt, sich wie in einem Tanz zu drehen und was macht die Burka-Figur? Sie beginnt mit Situps! Insgesamt ein mehr als witziges und skurriles Bild. Mit einem großen Fragezeichen im Gesicht wende ich mich an Hakan.

Hakan Eren: „Also – zunächst einmal zur Musik: Es handelt sich hierbei um kurdische Musik, von einer der erfolgreichsten Sängerinnen der arabischen Welt. Ihr Erfolg verwundert insofern, als dass sie sich innerhalb ihrer Texte sehr stark für die Rechte der Frauen engagiert. Zu den Figuren: Mit dem Outfit des Derwisches nehme ich Bezug zum politischen Geschehen in der Gründungszeit der Republik Türkei. Präsident Atatürk hatte seinerzeit alles Osmanische aus dem Land verbannt, sehr entschlossen die Modernisierung des Landes nach westlichem Vorbild vorangetrieben und in diesem Zusammenhang alle dort lebenden Sultan-Familien vertrieben. Viele dieser Familien sind in die USA emigriert, sodass es ihre nachfolgenden Generationen sind, die auch heute noch das dortige Gesellschaftsbild mitprägen. Der Strafgefangene mit Stern erklärt sich – glaube ich – ebenso von selbst wie die Burka-Figur. Vielleicht noch zum Stock: Der versinnbildlicht den sprichwörtlichen Stock im Arsch.“

„Demnach eine recht provokante Inszenierung des aktuellen politischen Geschehens. Sind es deine türkischen Wurzeln, die dich zu einer solchen Auseinandersetzung herausfordern?“

Hakan Eren: „Sagen wir besser, es ist immer auch meine eigene Geschichte, die in meine Arbeiten einfließt. Ich interessiere mich für fast alles, was in der Welt geschieht, bin immer auf Empfang und lasse alles auf mich einprasseln. In diesem Durcheinander entwickeln sich sehr intuitiv Ideen für neue Arbeiten, die letztlich durch meine Reflexionen hervorgerufen werden und deshalb natürlich viel mit mir zu tun haben. Grundsätzlich möchte ich aber eine Schwere in meiner Kunst vermeiden. Es soll keine Kunst mit erhobenem Zeigefinger sein. Sie darf auch Spaß machen.“

„Spielt das Thema Vergänglichkeit hierbei eine Rolle?“

Hakan Eren: „Ja. Aber nicht bezogen auf die Vergänglichkeit der Natur. Es ist eher eine Anspielung auf die Vergänglichkeit eines Kunstwertes, der oftmals nur noch vom Kunstmarkt bestimmt wird. Wie viel ist eine Arbeit wert, die sich auflösen wird oder technisch laienhaft daherkommt?“

„Was hat es dann mit diesen Graphiken auf sich“, frage ich, […]

Hakan Eren: „Es ist in der Tat eine fiese, fast böse Arbeit. Über Facebook-Posts stieß ich irgendwann darauf, dass sich in Amerika die Väter kleiner Kinder an Ostern als Hasen verkleiden. Die Vorstellung fand ich sehr verstörend und hat mich letztlich zu dieser Serie angetrieben. Das Zeichnen ist für mich sehr wichtig. Hiermit fängt oft alles an, auch meine bildhauerischen Arbeiten. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, in meiner Abschlusspräsentation auch hiervon etwas zu zeigen.“

Ich schaue mich noch einmal im Raum um.

So vielfältig die Arbeiten auch sind, ist eine zentrale Gemeinsamkeit erkennbar. Die gesamte Präsentation umweht etwas Nostalgisches und irgendwie auch Laienhaftes. Dem Zeitalter der digitalen Technik scheint sich dieser Künstler zu verweigern. Alles ist handgemacht, filigran ausgetüftelt, jegliche Mechanik bewusst sichtbar belassen.

Dass sich hinter der spielerischen Fassade die künstlerische Auseinandersetzung mit brisanten politischen Themen oder auch philosophischen Fragestellungen verbirgt, wird erst auf den zweiten Blick offenbar. […]

Das KIT lädt in den Tunnel. Dort läuft seit dem 23. März die Ausstellung ‚Von mir aus‘. Der Ausstellungstitel erinnert stark die Blockbuster Show ‚von hier aus‘,1984 von Kaspar König in einer profanen Messehalle kuratiert. König zeigte der Welt, welche bedeutenden Künstlerinnen und Künstler (63 an der Zahl) in Düsseldorf lebten und arbeiteten. Auch ‚Von mir aus‘ zeigt ausschließlich Düsseldorfer Kunst, doch begrenzt die Kuratorin des Kunsttunnels, die Auswahl auf vier Künstlerinnen und Künstler, die hier studieren oder kürzlich ihre Akademiezeit beendeten.

Conrad Müller, Donja Nasseri, Arisa Purkpong und Alexander Romey  nutzen unter anderem das Medium Fotografie. Ihre Arbeiten entstehen – so schreibt es der Pressetext zur Ausstellung – aus einer Auseinandersetzung mit sich und ihrem Umfeld: Was bedeutet es, in der Welt zu sein, wo und wie positioniere ich mich?

Tja, was bedeutet es, in der Welt zu sein? Eine große Frage, vor deren Hintergrund man aus der Masse der Düsseldorfer Akademiestudenten und Abgänger sicher locker wieder 63 TeilnehmerInnen hätte einladen können. Im KIT sind es vier, wie gesagt. Es zeigen sich in den zum Teil eigens für den Tunnel konzipierten Exponaten vier extrem eigenwillige Positionen, denen wohl einzig die Befragung des Mediums Fotografie (mit Fragen, wie ‚Was bedeutet es, in der Welt zu sein?‘) gemein sein mag.

Die Betrachtung von Kunst, wenn es denn gute ist, bringt einen ja bekanntlich immer ein Stück der Antwort auf die Frage näher, was es denn bedeuten könnte, in der Welt zu sein. Der Erkenntnis Gewinn der vier präsentierten Werken bei ‚Von mir aus‘  ist durchaus unterschiedlich. Besonders hat uns die Installation Go Slowly (lovely moon) von Donja Nasseri inspiriert und in Bewegung versetzt.

Perfekt auf die Raumsituation in der Spitze des Kunsttunnels zugeschnitten, agieren ein geschätzt 12 – 15 Meter langer Teppich, ein Bildschirm an dessen Ende, eine Reihe von gerahmten Pigmentdrucken an der linken Wand und ein raumfüllender Sound miteinander. Nasserie nimmt es nicht gleich mit der Welt, aber mit Aspekten heteronormativer Eheschließungen, insbesondere einer traditionellen afghanischen Heirat auf. Der sandfarbene, lange Teppich etwa zeigt Symbole des Glücks und der Verheißungen einer Eheschließung; der Ring, das Paar, die Hand mit dem Symbol der Einheit. Doch noch während man die Strecke abgeht, den Blick nach unten, liest man Texte, wie ‚GO SLOWLY MY LOVELY MOON, GO SLOWLY‘ oder ‚WE WHISPER  WE SMILE  WE LAUGH  WE FIGHT  WE LOVE‘.

Zu der eher allgemeingütigen Ebene der Symbole gesellt sich etwas Persönliches, von Erfahrung getragene Aspekte des Lebens als Paar. Die kurzen Texte des Teppichs lenken die Wahrnehmung auf den Sound: nach typisch afghanischem Jubelheulen und rituellen, meditativen Klängen, spricht eine Frau Sätze, wie: He gave me a carpet instead of a ring oder 14 carat is not enough, I want 18 oder Gold is waiting for you, when you’r married. Es entspinnt sich ein Netz von Gedanken zur Bedeutung einer Heirat, sowohl im ideellen wie auch im materiellen Sinne. Es geht um Werte und Sicherheit eher, als um Zweisamkeit und Glück. Ein fragwürdiges Bild der Ehe als werte-orientiertes System mit wachsenden Vorbehalten, hier aus Sicht einer Frau kriecht aus dem Teppich hervor. Kurze Sätze, in ihrem Vortrag an die frühen Tonaufnahmen von Laurie Anderson erinnernd, spitzen die Beobachtungen und Gedanken zu. Am Ende steht die Empfehlung: it sticks on your finger, take it off and breath.

Am Ende des Teppichs ist meine Aufmerksamkeit vom geschrieben Text zum gesprochenen übergegangen. Mit Gedanken über soziale, monetäre und persönliche Perspektiven auf das Thema Heirat und Ehe wende ich mich den Pigmentprints zu. In der für Donja Nasseri inzwischen bekannten Herstellungsweise sind diese Bilder entstanden. Es sind Abstraktionen, die sowohl in der kleinen, wie in der großen Form und ihrer Materialität einen komplexen und schwer zu ergründenden Eindruck von Wertigkeit, von Fläche und zugleich auch einer vielschichtigen Räumlichkeit erzeugen. Häufig scheinen Teppich Ornamente die formale Grundlage dieser Arbeiten zu sein. Der Teppich, mal wieder in dieser Installation. Auf allen Ebenen gegenwärtig, lädt er zum bedächtigen Verweilen ein, ist langsam und ohne Schuhe zu betreten, Go Slowly (lovely moon).

Donja Nasseri studierte 2012/13 Fotografie an der Mimar Sinan Sanatlar Akademie Istanbul, zugleich an der TU Dortmund von 2011 bis 2015 Kunst. 2015 belegte sie ein Semester an der Kunstakademie Münster, bevor sie 2016 nach Düsseldorf in die Klasse von Gregor Schneider kam.

Die Ausstellung Von mir aus läuft  noch bis zum 16. Juni 2019, und zwar hier:

KIT – Kunst im Tunnel
Mannesmannufer 1 b
40213 Düsseldorf

Während des Akademierundganges 2017 an der Düsseldorfer Kunstakademie installierte Paul Hempt in dem Raum seiner Klasse einen Seismographen. Dieses Instrument erfasst und notiert potentiell alle Beben weltweit, die eine gewisse Stärke überschreiten. Nicht nur die natürlichen Beben, wie etwa die Verformungen der Erde durch die Gezeitenkräfte, hinterlassen ihre Spuren auf den Papierbahnen des Seismographen. Auch jede von Menschen verursachte Erdbewegung, etwa durch große Verkehrsadern, den Abbau von Stein mit Sprengungen oder gar Kernwaffentests. Die resultierenden Aufzeichnungen visualisieren all dies, machen sichtbar, was spürbar ist, sind Spuren unserer Zivilisation.

Das Gerät in der Klasse Gursky an der Düsseldorfer Akademie ist von Hempt manipuliert. Seine Sensorik ist nicht auf die Welt, sondern auf die nächsten 30 qm hin kalibriert. Es zeichnete 7 mal 24 Stunden vom 13. bis zum 19. Februar 2017 die Erschütterungen des Bodens in seiner unmittelbaren Umgebung auf. Die 7 Zeichnungen auf Papierschleife sind jeweils geprägt vom Besucherverhalten der Ausstellung, zugleich Paul Hempts Abschluss Ausstellung an der Akademie. Sie sind grafische Dokumente eines besonderen Momentes an eben diesem spezifischen Ort.

Paul Hempt interessiert sich für das Spürbare, Sicht- oder Hörbare. Töne, Lichter, Farben, Schwingungen, dieser Ausschnitt aus der Welt der Phänomene ist sein künstlerisches Material. Seine Aufmerksamkeit richtet er auf Grundlagen der Wahrnehmung. Wie ist die Welt auf der Ebene der Sinneseindrücke miteinander verbunden?
Paul Hempts Kunst bewegt sich. Mechanik, Zahnräder, Laufleisten, Linsen, Spiegel, Steuerelektronik und anderes ist in seinen Objekten offen sichtbar. Seine ebenso simplen wie genialen konstruktiven Lösungen ziehen die Aufmerksamkeit der Beobachtung auf sich. Saubere Sorgfalt beherrscht die Ansicht und erweckt den Eindruck von perfekter Funktionalität. Vor dem Hintergrund der ‚glatten‘ Formensprache heutiger Industrieprodukte und der Volldigitalisierung des Alltags, ist es eine bewusste Reaktion des Künstlers, Zusammenhänge zu unterstreichen, Konstruktion und Mechanik sichtbar zu machen und zu einer Qualität des Werkes zu erheben.
Paul Hempt ist 1986 in Wien geboren. Er studierte von 2009 bis 2012 an der Fachhochschule Salzburg und von 2012 bis 2016 an der Kunstakademie Düsseldorf bei Andreas Gursky. Er lebt und arbeitet in Wien.

Art Rotterdam 2019

13.02.2019

Larissa Sansour, aus der Serie Nation Estate, 2012, Manger Square

In ihrem 20sten Jahr bleibt sich die Art Rotterdam treu:
die Messemacher achten auf ein unprätentiöses Layout und vergleichsweise erschwingliche Teilnehmer Gebühren. In Folge dessen sind Pelzmäntel in der überfüllten Garderobe zwar die absolute Ausnahme und es gibt keine VIP-Lounge. Dafür gilt das Interesse der zahlreichen Besucher in Rotterdam eindeutig den Exponaten und das Lächeln in den Gesichtern der Aussteller wirkt weit weniger gezwungen, als in Köln oder Basel. Ob dieses Rezept aber eine Impfung gegen die Veränderungen des allgemeinen Wandels im Kunstmarkt sein kann, ist zweifelhaft.

Die Zahlen sprechen für sich: 2014 erst zog die Messe in die Van Nellefabriek, ein architektonisches UNESCO Kulturerbe. 2015 zählte man 132 Galerien, davon mehr als die Hälfte aus dem Ausland (13 aus Deutschland). In diesem Blütejahr des Rotterdamer Kunstmarktes installierte man die ‚Positions‘, eine Halle, in der nicht kommerzielle Kunstpositionen zu einer messeeigenen Ausstellung zusammengefasst wurden. Seither bespielen namhaften KuratorInnen diese Talentshow unabhängig von Marktgängigkeit oder Galerierepräsentanz.
Heute, 2019, ist die Teilnehmerzahl auf 90 geschrumpft, etwa 40 kommen aus dem Ausland. Um es nochmal zu betonen: in vier Jahren ist ein Drittel der Galerien ausgeblieben, was die angespannte Lage des allgemeinen Kunstmarktes – nicht nur in Holland – widerspiegelt.

Hier liegt sicher ein Grund für das wenig mutige Programm der Galerien. Viele kleine Formate, dekorativ, (mit Ausnahmen) unpolitisch, bunt, bunt und nochmals bunt.
Die Gleichförmigkeit der Standgrößen wirkte demokratisch, wenig Platzhirsch Revier, ein schneller  Überblick war garantiert. Der Gang durch die Reihen kann getrost als (Achtung Wortspiel) Spaziergang durchs ‚Flatland‘ beschrieben werden, bei dem wir nur selten anspruchsvolle Höhen erklimmen mussten. Um es nicht zu lang werden zu lassen: im Rückblick haben wir die Galerie Stigter van Doesburg positiv in Erinnerung, die auf der Messe offenbar voll auf ihr Galerieprogramm gesetzt hat und ein Großformat von Helen Verhoven und ein Objekt von Lucas Lenglet präsentierte. Eine weitere sehenswerte Ausnahme waren vor allem die Werke der dänischen Künstlerin Larissa Sansour – mehrere inszenierte Fotografien, eine großformatige Projektion und eine Plastik. Von der sie vertretenden Galerie Montoro 12 aus Brüssel erfuhren wir, das Sansour Dänemark auf der kommenden Biennale in Venedig vertreten wird. Wer dachte, dass nach so vielen Jahrzehnten digital collagierter Fotografien hinter Plexiglas von diesem Metier nichts mehr zu erwarten sei, der öffne die Augen und schärfe die Sinne. Großes Kino auf nur 75 x 150 cm.

Ein Höhepunkt der Messe war der Besuch des Standes von Frank Taal. Und das insbesondere, weil wir einen Galeristen kennen lernen durften, der mit großer Begeisterung hinter den Werken seiner Künstler steht. Beeindruckt hat uns die Installation von Midas Zwaan. Ebenfalls erfrischend anders waren die Wandarbeiten von Tom Woestenborgh und Bram Braam.

Auch 2019 beheimatete die Art Rotterdam in einer großzügig installierten Halle eine Extrashow, die Prospects & Concepts 2019. Kuratiert von Macha Roesink und gefördert von der Mondrian Foundation, zeigten 67 talentierte Künstler ihre Projekte. Was für ein Genuss in der großen Halle auf Entdeckungsreise zu gehen. Vergleichen wir das Angebot der kommerziellen Messe nebenan mit den hier gezeigten Arbeiten, wird klar, dass der Begriff Kunst auf zwei vollkommen unterschiedliche Weisen gefüllt wird. Dort visuell Gefälliges, hier inhaltlich Getriebenes, dort Erwartbares, hier Überraschendes, Herausforderung, Beunruhigung, Aufregendes. Politische, gesellschaftskritische oder individuelle Themen rütteln ein ums andere Mal auf, überschreiten die Grenzen unserer Komfortzone und ziehen uns auf ihre Seite; das, was wir uns von Kunst erhoffen. Namen, wie Verena Block, Julius Thissen, Prins De Vos oder Clarinde Wesselink haben wir uns gemerkt. Es steht nicht zu hoffen, dass diese Künstler in den kommenden Jahren die Wände der Galerien nebenan erobern, doch solange die Art Rotterdam sich die Prospects & Concepts gönnt, lohnt die Fahrt nach Rotterdam allein für einen Rundgang in dieser Halle.

Für den Rundgang über den Rundgang gibt es eine Regel: starte unten und verpasse nichts.
Dabei schützt mich mein persönlicher, objektiv betrachtet sehr subjektive Filter davor, endlos vor den Gemälden der 50 Anzinger Studenten stehen zu bleiben und für wirklich Interessantes keine Zeit mehr zu haben. Ich verstehe nicht, warum die Düsseldorfer Akademie immer wieder – auch in diesem Jahr kolportiert – als Maler Akademie besprochen wird. Es sind wohl zuletzt die Zeiten gemeint, in denen Lüpertz, Immendorff und Co. noch studierten. Doch was ist mit der Ära Becher, deren Klasse viele Jahre stärkster Magnet für die Besucher der jährlichen Show war. Ich persönlich erlebe schon lange bereits im Erdgeschoß bei den Bildhauern meine ersten Wow Erlebnisse, wo ich erstmals vor den Arbeiten von Michail Pirgelis, Thomas Woll oder Claudia Mann stand. In diesem Jahr hat mich mal wieder die Klasse Vermeiren besonders gefesselt. Mit Tristan Ulysses Hutgens habe ich mich unterhalten. Seine Werke leben von einer gründlichen Reflexion bildhauerischer Prozesse, dem Abformen und Form geben einerseits, andererseits von einem gehörigen Respekt gegenüber den Materialien, sei es Blech, Ton oder Glas. Am Ende macht die Wahl der Präsentation die große Geste komplett.

Sperrig und zunächst rätselhaft treten mir später die Werke der Abschluss Präsentation von Eun Kyung Kim entgegen. Ihre Installationen aus transparenten Materialien, wie Wasser, Glas, Plexi und Plastik, zusammen mit Neonlicht und Spiegeln offenbaren erst in der Zusammenschau die Sprache der Künstlerin. Ich habe mehrfach einen ruhigeren Moment abgepasst, denn zu viele Besucher verhindern den wichtigen Gesamtanblick.

Die ungeplanten Zufallsbegegnungen mit der Kunst von Hutgens und Eun Kyung Kim gehören für mich zu den diesjährigen Entdeckungen, die ich beim ziellosen Schlendern in diesem Jahr mehrfach machen konnte. Fynn Ribbeck fällt auf und die Installation ‚Alma Lunik Dea Longituda – Göttin der Kurzwelle‘ von Viktoria Strecker, sowie Severin Spengler aus der Odenbach Klasse macht den Weg ins Dachgeschoß unvermeidbar.

Aus der Erfahrung der letzten Jahre suche ich bestimmte Klassenräume allerdings schon mit einer gewissen Erwartungshaltung auf. Dazu gehörte zuletzt der Klassenraum Andreas Gursky im ersten Stock. Die Abschlußzeigungen von Jens Kothe, Paul Hempt und vielen anderen haben diesen Raum immer zu einem Erlebnis werden lassen. Jetzt unterrichtet hier Peter Piller. Ich weiß, ich war dort. Von dem, was ich sah, habe ich nichts verstanden. Danach, wie gesagt…. Anzinger … eine Pause für die Augen und ein paar Meter die Beine lockern. Auch die Klasse von Katharina Grosse, immer mit auffälligen Arbeiten und immer gut kuratiert, versäume ich nie. Jetzt unterrichtet hier Ellen Gallagher und Kai Borsutzky zeigt seinen Abschluß. Seine vielgestaltige Installation aus Gips, Ton, Neon, Leuchtkästen und Kabeln bedient beinahe all meine persönlichen Leidenschaften und gehört zu den beeindruckendsten Präsentationen dieses Jahres.

Hakan Eren folge ich schon mehrere Jahre. Er beendet in diesem Jahr mit dem Ausscheiden seiner Professorin Katharina Fritsch sein Studium. Seine künstlerische Strategie ist bereits in den ersten Jahren an der Akademie zu erkennen. Hakan Eren agiert bewusst als Dilettant. Die Arbeiten, aufwändig und roh zusammengesetzt, erinnern an die Mobiles eines Alexander Calder oder die Maschinen von Jean Tinguely. Allen gemein ist der Charakter des Spielerischen. Die bunten Präsentationen des Künstlers verbergen in beinahe humoristischer Verkleidung ihre kritisch ernsthaften Inhalte. Ich liebe die lächelnde Provokation seiner Abschluss Ausstellung. Eine Büste aus Ballons, aufwändig präsentiert, verhöhnt das Konzept der Wertschöpfung im Kunstmarkt und ist doch unwiderstehlich schön. Ein betender Moslem hängt Kopf über und ein Derwisch, ,Sinnbild für Spiritualität und Besinnung trägt stolz eine Amerika Kuft.

Rundgang Rundgang Rundgang, noch bis Sonntag und ein guter Tipp fürs Wochenende!

Kai Brückner

Einblick in eine der Werkstätten der Kunstgießerei Schmäke, Fotos: Sarah Schovenberg

Seit 2016 besucht Elke Backes Künstlerinnen und Künstler in ihren Ateliers. Inzwischen reist sie bis nach Südafrika, um die Fragen, die sie an Werke und deren Urheber hat, an Ort und Stelle zu erörtern. Auf ihrem Blog Atelierbesuche.com finden sich Namen, wie Jonathan Meese, Jürgen Klauke oder Katharina Sieverding.
Wir lieben die persönliche Neugier und Offenheit dieser Berichte.
Im Mai 2018 sprach Elke Backes mit Claudia Mann, Künstlerin bei den Unikat Editionen einsvonelf.

Düsseldorf, 17. April 2018. Kunstgießerei Schmäke. Hier treffe ich Claudia Mann, Preisträgerin des Förderpreises für Bildende Kunst der Stadt Düsseldorf. Ihr Bronzeguss Solid Aero befindet sich in der letzten Phase der Fertigstellung. Ein ungewöhnlicher Treffpunkt für einen Atelierbesuch insofern, als dass in diesem Stadium die Arbeit des Künstlers doch eigentlich weitestgehend abgeschlossen ist. Nicht so bei Claudia Mann …
Ich fahre auf den Hof und werde Zeugin des Patinierungsprozesses einer Skulptur von Markus Lüpertz. Gemeinsam mit Claudia Mann beobachte ich den Vorgang und bin überrascht, in welcher Geschwindigkeit die Bronze durch das chemische Verfahren ihre Farbe wechselt. „Ich wollte mir das unbedingt anschauen, weil ich noch Optionen sammle und für mich klären will, wie weit es möglich ist, die reine Gusshaut stehen zu lassen“, erzählt sie mir, und schon sind wir mitten im Thema. „Bei meiner Arbeit ist es von elementarer Bedeutung, dass ich den gesamten Entstehungsprozess selbst entscheide. Dazu gehören dann entsprechend auch die einzelnen Arbeitsschritte innerhalb des Gussverfahrens. Ich dachte, dass es deshalb sinnvoll ist, sich zunächst hier zu treffen, bevor wir dann anschließend zu meinem Hauptatelier fahren.“

Eine tolle Idee! Ich fühle mich wie bei der Sendung mit der Maus …

Vorab sei erklärt, dass die Künstlerin mit ihren Arbeiten den Ursprung der Skulptur zu erkunden sucht und dabei hinterfragt, inwiefern der Mensch der Autor oder nur ein Bezugspunkt für die Skulptur ist. Was komplexe Theorien befürchten lässt – die es natürlich nicht nur zahlreich gibt, sondern von Claudia Mann auch intensiv studiert werden –, findet in ihren Arbeiten ein breites Spektrum an praktischer Auseinandersetzung. Solid Aero ist hierfür ein Paradebeispiel, wie ich gleich erklärt und zu sehen bekommen werde.
Wir durchwandern die einzelnen Arbeitsschritte des sogenannten Wachsausschmelzverfahrens. Hierbei heißt es, das Positiv des zu gießenden Modells zunächst in Wachs zu transformieren, um es dann – ummantelt in einer Verschalung mit flüssigem Schamott – zu erhitzen. Durch das Schmelzen des Wachses entsteht ein Hohlraum, in den letztlich die Bronze gegossen werden kann. Klingt kompliziert und das ist es auch, wie ich nun sehe. Mit der Umwandlung in Wachs heißt es für Claudia Mann schon die erste Entscheidung zu treffen, auf welche Art und Weise der Prozess des Gussverfahrens unterwandert werden könnte. Üblicherweise muss für das Wachsmodell zunächst eine 1:1-Negativ-Abformung des Positiv-Modells gefertigt werden. „Diese 1:1-Umwandlung will ich aber nicht. Um jeden Schritt dieses Prozesses im wahrsten Sinne des Wortes erfassen zu können, forme ich nicht das Modell, sondern die Abformung ab.“ Sie zeigt mir eine Sandrose, die hier das Positiv bestimmt und stellt ihre Abformungen zum Vergleich daneben. Die Veränderungen sind deutlich sichtbar.

Bei Solid Aero ist aber die Wachsabformung das Original und deshalb die Positivform. Eigens zur Erzeugung dieser Skulptur hat sie ein Erdloch gegraben, das ihrem Körpermaß entspricht – „begrenzt auf den kleinsten, aber tiefsten von mir benötigten Raum. Dieses modellierte Loch habe ich dann mit Wachs abgeformt. Hierbei war mir wahnsinnig wichtig, dass Spuren der Erdschicht, wie Sand, Gras oder Steine, im Wachs enthalten und auch später im Guss sichtbar eingeschlossen blieben.“ Sie zeigt Fotos. Unfassbar. Was für ein Kraftakt! Sie könne ganz gut mit ihrem Körper umgehen, erklärt sie lachend in Reaktion auf meinen ungläubigen Blick. „Der nächste Schritt, den es zu entscheiden galt, war die Frage, wo ich die Trennungen des Wachses vornehmen soll, um einen Transport in die Gießerei zu ermöglichen.“

Ich halte bis zu dieser Stelle fest: Es handelt sich nicht um eine klassische bildhauerische Arbeit, die im Atelier, sondern in der Natur ihren Ursprung genommen hat. Es wurde keine freie Form, sondern Natur aus dem Bezugsrahmen eines Körpermaßes modelliert und abgeformt. In der Konsequenz heißt das, dass diesem Wachs-Positiv kein Modell zugrunde liegt. Es sind die Unikate, die eingeschmolzen werden und deshalb nicht reproduziert werden können. Eine Herausforderung für diejenigen, die in der Gießerei das Gerüst für die Zuläufe konstruieren müssen, durch die später gegossen werden soll. Dieser Arbeitsschritt wird von Claudia Mann zwar aus der Hand gegeben aber von ihr kontrolliert.

Jeder Mitarbeiter der Gießerei kennt und schätzt die Künstlerin, wie man am Umgang miteinander erkennen kann. Deshalb dürfen wir auch überall hin. Wir schauen uns die Öfen an und dann den Bereich, in dem die gegossenen Bronzen nachbearbeitet werden.
Eine weitere knifflige Angelegenheit. Hier werden die Zuläufe entfernt, getrennte Elemente miteinander verschweißt, Schweißnähte entfernt und letztlich die Oberfläche nach Vorgabe des Künstlers behandelt. Auch dabei legt die Künstlerin, wenn es Größe und Gewicht irgendwie zulassen, wieder selbst Hand an. Die Dimensionen von Solid Aero werden Hilfe erfordert haben, doch die Bearbeitung der Schweißnaht erfolgte ebenso durch sie, wie die Farbgebung, die sie gerade noch minutiös austüftelt. Staunend stehe ich vor dieser gigantisch großen, archaisch anmutenden Form. Dass diese Skulptur mit Natur zu tun hat, lassen Form, Oberfläche und Farbe auf den ersten Blick erkennen. Nähern wir uns doch nun der Frage, inwiefern diese Arbeit dem Ursprung von Skulptur auf den Grund geht.

„Meine Suche nach dem Ursprung setzt bei Fragen nach der Definition von Skulptur an. Was macht sie eigentlich aus oder was steht mit ihrer Existenz im Zusammenhang? Antworten finden sich vor allem über die Auseinandersetzung mit Raum, Materie, Luft, Licht, Boden und Gravitation. Immer stärker wurde oder werden mir die Komplexität und Dimensionen der gegenseitigen Abhängigkeiten und Einflüsse bewusst: dass Skulptur Raum einnimmt und gleichzeitig verdrängt, dass Licht sie erst für uns sichtbar macht, dass Boden und Gravitation ihr Halt geben, dass Gravitation wiederum in Abhängigkeit zur Atmosphäre steht. Auf meiner weiteren Suche auf der Frage basierend, wo oder was der Anfang ist, gewann dann die Auseinandersetzung mit dem Boden eine immer größere Bedeutung. Ich hatte immer kniend vom Boden aus begonnen zu arbeiten und eine Form entsprechend nach oben gebracht. Irgendwann hinterfragte ich dann immer stärker den Boden in seinem philosophischen und physischen Sinn, bis er dann für mich nicht mehr nur der Startpunkt, sondern selbst Skulptur wurde. Diese Erkenntnis trieb mich an und ließ die Notwendigkeit entstehen, den Boden zu durchbrechen, um ihn als Skulptur wahrnehmen zu können.“

„Womit nun du als Autorin der Skulptur ins Spiel kommst. Inwiefern war dein Körpermaß mit ausgestreckten Armen formbestimmend? War das berühmte Vitruvianische Modell – der Mensch als Dreieck im Kreis – Vorbild?“ „Dreieck und Kreis symbolisieren für mich die logischen Urformen. Zum einen stellt das Dreieck die simpelste Form der Standfestigkeit dar, zum anderen wird hiermit die Form nachgezeichnet, die sich im Querschnitt vom Erdmittelpunkt bis zur Erdoberfläche – dem Boden – ergibt. Der Kreis symbolisiert entsprechend den Erdumfang; der Mensch im Kreis die Bewegung um die eigene Achse. Mein Körpermaß war insofern wichtig, als dass ich mich über den Prozess des Grabens bis hin zu diesem Maß sukzessive auf einer emotionalen Ebene mit der Erde verbunden, von ihr Besitz ergriffen habe. Für die Skulptur Solid Aero spiele ich keine Rolle mehr. Hierfür war ich lediglich Maßwerkzeug, ein menschlicher Bezugspunkt.“
Wir wechseln den Standort und fahren nach Korschenbroich in ihr Hauptatelier. Weitere großformatige Skulpturen sind hier zu sehen, ebenso aber auch fotografische Arbeiten, Frottagen und Dokumentationen von Performances. Im Prozess befindet sich gerade die Abformung ihres Atelierbodens. Also wieder Boden, aber diesmal ebenerdig.
„Was hat es damit auf sich?“ „Ich bin noch nicht so lange in diesem Atelier. Letztlich war es auch bei dieser Abformung für mich entscheidend, den Raum für mich be-greifbar zu machen und einen emotionalen Zugang zu finden. Innerhalb dieses Prozesses wurde mir dann auf eine sehr poetische Weise bewusst, dass diese Abformung nicht datierbar ist. Dieser Boden ist über eine unbestimmte Zeit vor mir entstanden und wird meine Existenz auf eine unbestimmte Zeit überdauern.“

Was sich nicht nur auf alle ihre Arbeiten übertragen lässt, die unter Einbeziehung biologischer Prozesse entstanden sind, sondern auch auf die menschliche Existenz als solche, denke ich nun. Ist der Mensch dann nur Bezugspunkt oder Autor von Skulptur? Fakt ist, dass die Arbeiten von Claudia Mann auf eindrucksvolle Art und Weise erkennen lassen, dass die Frage nach dem Ursprung der Skulptur nur im Bezug zur menschlichen Existenz versucht werden kann beantwortet zu werden. Am Beispiel von Solid Aero wurde deutlich, dass der Erdaushub in Masse und Volumen in absoluter Relation zur Künstlerin stand und sie deshalb für die Form und Größe dieser Skulptur von entscheidender Bedeutung war. Doch ihre Aussage, dass für sie der performative Akt – die stetige Verbindung mit der Erde – im Vordergrund steht und sie deshalb für die Skulptur lediglich als Maßwerkzeug oder im Fall der Bodenabformung als Zeitparameter agiert, lässt ihre Autorenschaft in den Hintergrund treten. „Je länger ich daran arbeite, desto kleiner werde ich“, beschreibt sie diesen Prozess.

Der Versuch Antworten auf Fragen nach dem Ursprung der Skulptur zu finden, steht plötzlich im Verhältnis zu Fragen nach der eigenen Verortung in Raum und Zeit. Die eigene Verortung innerhalb des uns umgebenden Raums, der Materie, der Luft, des Lichts, auf dem Boden. Die Komponenten, die eben im Zusammenhang von Skulptur aufgezeigt wurden, verweisen unschwer auf die Grundlagen menschlicher Existenz … Ist der Ursprung von Skulptur dann vielleicht schon innerhalb dieser Interaktionen zu finden?

Atelierbesuche.com

Weitere Informationen zu Claudia Mann:
claudiamann.net

Die Ausstellung Impossible Love – Vintage Photographs bei C/O Berlin formuliert ein klares Statement.

Zwischen Pornografie und großer Kunst

Araki ist in den letzten Jahrzehnten insbesondere mit seinen Bildern von gefesselten Frauen in den großen Museen der Welt gezeigt worden. Diese Arbeiten werden immer schon kontrovers diskutiert. Zwischen Pornografie und großer Kunst wechseln die Bewertungen, die berühmte Wahrheit, die irgendwo in der Mitte liegt, gibt es hier nicht. Die Vehemenz dieser Debatte steigert bis heute den Ruhm, besser die Popularität des Fotografen.
Doch wie bei so vielen Künstlern wäre es auch bei Araki grundverkehrt, sein Schaffen auf eine einzige, populäre Werkgruppe zu reduzieren. Bis heute sind in über 50 Jahren freier künstlerischer Fotografie hunderte von Fotobüchern entstanden, von denen die allermeisten außerhalb Japans noch nie gesehen wurden.

Dafür zeichnen in erster Linie die hiesigen KuratorInnen und KritikerInnen verantwortlich. Araki selbst hat sich nie in die Auswahl der Exponate eingebracht. Umso bemerkenswerter erscheint die Auswahl der Arbeiten, die für die Ausstellung Impossible Love – Vintage Photography bei C/O Berlin von Kurator Felix Hoffmann getroffen wurde. Erstmals in Deutschland zeigt Hoffmann die frühen Serien Arakis, etwa die Bildpaare des Fotobuches Tokio, die Serie Theater of Love oder die Reihen Sentimental Journey und Winter Journey. Mit den Aufnahmen der 60er Jahre bis 1990 offenbart sich die große Qualität des Fotokünstlers Nobuyoshi Araki, der einen distanzlosen, vertrauten Blick in die Welt wirft. Im Text zur Ausstellung heißt es richtig: „Die extreme Nähe und Vertrautheit zu den dokumentierten Personen und Situationen machen Arakis Fotografien bis heute einzigartig und revolutionär.“ Die große Subjektivität im Blick der Kamera Arakis, der jede Distanz zum Objekt aufgibt, um zu dessen Wesen vorzudringen, stellt ihn als Zeitgenossen neben Nan Goldin, Larry Clark oder Duane Michals. Bis hierher ist der Besuch der Ausstellung ein Muss und ein unvergessliches Erlebnis. Die Frage ‚Sexist oder Künstler‘ hat sich vorbehaltlos in Luft aufgelöst.

Der zweite Ausstellungsteil beginnt mit einer Reihe von Tableaus aus dem Jahr 2018. In großen Rahmen versammelt Araki jeweils eine Anzahl von Polaroid Aufnahmen. Es erscheint wie ein Versuch des Künstlers, der ein Jahr zuvor schwer erkrankte und einseitig erblindete, seinem sicher unermesslich großen Archiv eine innere Struktur oder Ordnung zu verleihen. Beim Schlendern entlang dieser Wand wird die breite Palette seiner Motive deutlich. Es offenbart sich die besondere Bildsprache Arakis, oft klassisch komponiert und doch mit dem spontanen und unmittelbaren Duktus eines dokumentierenden Schnappschusses. Das Ende der Show zeigt ungerahmte, großformatige Fotomontagen mit Himmelsausschnitten und große Drucke inszenierter Bilder mit Puppen und Blumen der letzten zwei Jahre. Noch tief beeindruckt von den frühen Arbeiten, haben wir zwischen diesen neuen Werken vergeblich nach einem tragenden Anschluss gesucht. Noch nie habe ich im Œuvre dieses Künstlers große Prints gesehen, die es mit der – inhaltlichen – Schärfe und Intensität seiner Kleinformate aufnehmen konnten. Der etwas schale Gedanke an ein müdes Spätwerk kommt auf und dieser Eindruck wird leider durch das Filminterview mit Araki von 2016, das vor Banalitäten trieft, nur bestätigt.
Man kann Kurator Felix Hoffmann nicht genug dafür danken, einen gründlichen Blick auf Arakis Œuvre geworfen zu haben. Das man in jedem Lebenswerk auch Schwächen erkennt, ist nicht anders zu erwarten und die Bewertung in Teilen immer subjektiv. Allein die frühen Bilderserien lohnen den Besuch der Ausstellung. Selten waren wir so gefangen von einer Fotoausstellung.

Nobuyoshi Araki
Impossible Love – Vintage Photographs
8.12.2018 – 3.3.2019
C/O Berlin
Hardenbergstrasse 22 – 24, 10623 Berlin